EINLEITUNG
Der heilige Gral ist wohl eines der berühmtesten wie auch mysteriösesten Reliquien der Christenheit, sogar der ganzen Menschheit. Basierend auf den unterschiedlichsten Quellen in den unterschiedlichsten Kulturen und Religionen hat sich die Gralsgeschichte wie auch die Gralssuche in einem Maße entwickelt die jenseits aller menschlichen Vernunft und Wissens seit langer Zeit die Menschheit fasziniert. Da auch der Ordo Militum Templi Sancti Grail sich neben der templerischen Aufklärung der Suche nach dem heiligen Gral verschrieben und dieses in seinem Ordensnamen manifestiert hat, so erscheint es angebracht Fakten und Mysterien zum heiligen Gral zusammen zu fassen. Diese Suche wird den OMTSG sicherlich in spirituelle Ebenen führen von denen wir jetzt noch gar keine Ahnung haben.
HISTORISCHE ZUSAMMENHÄNGE
Betrachten wir nun einmal die verschiedenen Strömungen des Gralsmythos. Dieser ist entgegen moderner Verzerrungen eindeutig als Werk der katholischen Kultur des Hochmittelalters zu identifizieren, in dem die Kultur und Spiritualität des christlichen Rittertums zum Ausdruck kommt. Dabei wird es deutlich, dass der Mythos und seine unterschiedlichen Überlieferungen in den Kulturen Europas zu tief und zu vielfältig sind, um vollständige, eindeutige und abschließende Interpretationen zu ermöglichen. Ausgestattet mit Kenntnissen über das religiöse Denken des Mittelalters kann man den Versuch einer Interpretation jedoch wagen, ohne in die häufig grotesken Fehldeutungen zu verfallen, welche die moderne Wahrnehmung des Gralsmythos prägen.
Der Gralsmythos wird in einer Reihe von Werken beschrieben, die in den Jahren zwischen 1190 und 1250 von Chrétien de Troyes, Robert de Boron, Wolfram von Eschenbach und anderen Autoren verfasst worden sind, als die abendländische Kultur sich auf dem Höhepunkt ihrer geistigen Kraft befand. Anders als die Ritterepik des Mittelalters beschreibt der Gralsmythos keine militärischen Taten, sondern die Spiritualität des christlichen Rittertums, an dessen Angehörige sich die Autoren richten. Der Mythos handelt einem der Autoren zufolge von „Rittern und edlen Männern“, die „willens waren, Mühen und Härten zu erdulden, zum Lobpreis des Gesetzes unseres Herrn Jesus Christus“. Bei dem Gralsmythos handelt es sich in erster Linie um ein Werk der katholischen Kultur des Hochmittelalters. Die Reformation hat den Mythos abgelehnt, weil er sich offensichtlich auf das katholische Verständnis des Abendmahls stützt und in ihn auch außerbiblische Bezüge, etwa aus keltischen Mythen oder dem apokryphen Nikodemus-Evangelium, einfließen. Auch die katholische Gegenreformation steht dem Mythos distanziert gegenüber.
INHALTE DES GRALSMYTHOS
Die Spiritualität des christlichen Rittertums wird vor allem in den im Gralsmythos behandelten Inhalten sichtbar.
Schützender Dienst
Der Gral als metaphysisches Zentrum der Welt wird durch einen Orden von Gralsrittern geschützt. Deren Einsatz ist überwiegend geistlicher Natur und besteht vor allem in Anstrengungen, die eigene Seele vor Korrumpierung zu bewahren, wozu der Gral ihnen Kraft verleiht. Eschenbach zufolge bedeutet das Hüten des Grals, „sich der Askese hinzugeben“. Der Gral befindet sich auf einer Burg und nicht in einer Kirche, was unterstreicht, dass dieser einer Bedrohung ausgesetzt ist, wobei er nicht direkt bedroht wird, sondern seine Wirkung. In einigen Varianten des Mythos wirken die Gralsritter zudem verborgen in einer von Instabilität gekennzeichneten Welt, in der sie ein stabilisierendes, die Ordnung und den Frieden erhaltendes Element darstellen.
Das Heilige
Der Gral ist nur für Menschen sichtbar, die einen spirituellen Reifeprozess durchlaufen haben. Auch die Gralsburg ist für die meisten Menschen unsichtbar und befindet sich an einem entlegenen, von der materiellen Welt getrennten Ort.
Krise, Zerfall und Auflösung
Die Welt des Gralsmythos befindet sich in einer Krise bzw. in Auflösung und ist verwüstet, weil der Gralskönig und die Gralsritter sich korrumpieren haben lassen und die Gnade Gottes nicht mehr durch den Gral in die Welt hineinwirken kann. In einigen Varianten des Mythos wird die Verwüstung des Landes als Folge des Wirkens der durch Sünde korrumpierten Eliten oder des Unvermögens der korrumpierten Gralsritter geschildert, ihren Dienst in der Welt zu leisten.
Berufung und Auftrag
Nur ein Held bzw. ein Ritter von besonderer Tauglichkeit und Reinheit kann den Gral und die Gralsburg finden, durch seine Taten den kranken bzw. korrumpierten Gralskönig heilen oder ablösen und dadurch das Wirken des Grals in der Welt wieder ermöglichen und somit das Ende der Krise bewirken. Der entsprechende Held fühlt sich zum Rittertum berufen und erlangt zunächst die militärische Tauglichkeit, durch die er Mitglied der Tafelrunde werden kann, bevor er oder die Gemeinschaft den übernatürlichen Auftrag zur Suche nach dem Gral erhält.
Entwicklung und Prüfung
Der Held entwickelt sich im Zuge seiner Suche nach dem Gral spirituell und durchläuft eine Reihe von Prüfungen, was verschiedenen Helden unterschiedlich gut gelingt. Die Prüfungen sind dabei vor allem spiritueller Natur und werden unter anderem in Versuchungen bestehen. Sakramente wie Taufe, Beichte und Kommunion sind wesentlicher Bestandteil der Entwicklung des Helden. Wolfram von Eschenbach betont zum Beispiel, dass der Held nur durch „die Kraft der Taufe die Kameradschaft derer erlangen“ kann, „die den Gral anschauen“. Entscheidend für die Erfüllung des Auftrags eist es zudem, die richtige Frage nach der Natur und dem Zweck des Grals zu stellen.
Der vollkommenste Ritter kann seinen Auftrag schließlich erfüllen und ermöglicht die Heilung des Gralskönigs oder übernimmt sein Amt, wodurch er in eine höhere Form des Dienstes eintritt. Er ermöglicht die Erneuerung des Landes und die Wiederherstellung der Ordnung, weil die Gnade Gottes nun wieder durch den Gral in die Welt hineinwirken kann.
Dabei werden geistliche und sonstige Aspekte von Tauglichkeit im Männlichkeitsideal des Rittertums, das im Gralsmythos zum Ausdruck kommt, nicht gegeneinander ausgespielt, sondern sie ergänzen einander. Der zum höchsten Dienst taugliche Mann muss im Sinne des Rittertums zunächst auch im militärischen Sinne tauglich sein. Parsifals Entwicklung, die ihm letztlich die Erfüllung seiner Berufung ermöglicht, beginnt dementsprechend mit seiner militärischen Ausbildung, endet aber nicht dort. Das Ideal des umfassend tauglichen Mannes wird später von Pius II. in seiner Schrift über die Ausbildung der militärischen Verteidiger des Christentums weiterausgeführt.
WAS ABER IST NUN DIESER HEILIGE GRAL?
Der Gralsmythos bezieht sich auf die katholische Lehre von der Realpräsenz Jesus Christus in der Eucharistie. Dies geht aus den Eigenschaften hervor, die der Gral laut der verschiedenen Versionen des Gralsmythos besitzen soll.
Die wesentlichen Eigenschaften des Grals sind übernatürlich. Seine materiellen Eigenschaften, wie die seiner Form als Schale oder Kelch, sind nachrangig. Wichtig sind der Inhalt des Grals und das, was durch ihn wirkt.
Der Gral ist etwas, das der Welt verlorengegangen ist und das zum Heil der Menschen gesucht und gefunden werden muss, was aber nur denen gelingen kann, die nach der Heiligung ihres Lebens streben und zu dessen Schau derjenige, der danach sucht, würdig sein muss. Wer hingegen in Sünde lebt oder nicht getauft ist, kann oder darf den Gral nicht sehen.
Mit dem Gral ist das vollkommene und zugleich für den Menschen geheimnisvolle Gute verbunden und es ist der höchste Wunsch der Gralssucher, dieses vollständig zu sehen. In der Version von Robert de Borons stirbt der ritterliche Held Galahad nach dem Anblick des enthüllten Grals, den er als „das Wunderbare, das alles andere übertrifft“ und als den „Quell unerschrockener Tapferkeit, der Taten Triebfeder“ beschreibt.
Der Gral stellt eine Verbindung zwischen materieller und immaterieller Welt dar, und Gott verkündet durch ihn den Gralsrittern seinen Willen. Der Gral ist das metaphysische Zentrum der Welt, von dem aus der Segen Gottes in die Welt gelangt und von dem sie lebt. Wo diese Verbindung durch die Korrumpierung der Hüter des Grals unterbrochen wird, setzen Verfall und Niedergang in der Welt ein.
Das Wirken des Grals erwärmt, ernährt und stärkt das Leben. Der Gral ist zudem äußerst mächtig und in der Lage, Wunder zu bewirken. Der Anblick des Grals wird als mystische Erfahrung beschrieben. So sagt Galahad in einer Version des Mythos:
“Denn jetzt sehe ich offen, was die Zunge nicht beschreiben noch das Herz erfassen kann. Hier sehe ich den Anfang jeglichen Wagemuts, die Grundursache aller Tapferkeit, hier sehe ich das Wunder aller Wunder.”
Der Gral hat zudem in fast allen Versionen des Gralsmythos einen unmittelbaren Bezug zu Jesus Christus und zur Eucharistie. Er ist je nach Darstellung entweder der Kelch des letzten Abendmahles, mit dem laut der im apokryphen Nikodemus-Evangelium wiedergegebenen Legende Joseph von Arimathäa das Blut Christi aufgefangen hat, oder allgemein ein Behältnis, das eine Hostie enthält. In einer Version des Gralsmythos befindet sich im inneren des Grals ein Kind, während in einer anderen ein Engel darin jeden Karfreitag eine Hostie ablegt. Die mit der Enthüllung des Grals verbundene Gralsprozession trägt Züge der katholischen Liturgie.
MODERNE VERZERRUNGEN DES GRALSMYTHOS
Die modernen Interpretationen des Gralsmythos sind kritisch zu hinterfragen, da sie diesen entstellt oder verzerrt wiedergeben und falsch deuten. Die Romantik des 19. Jahrhundert hat damit begonnen, den christlichen Kern auszublenden und ihn durch moderne, nationale Bezüge zu ersetzen. Dazu hat man etwa die keltischen Bezüge des Mythos deutlich übertrieben dargestellt. Die Historikerin Sandra Franz hat in diesem Zusammenhang die neuheidnisch-völkischen Religionsentwürfe beschrieben, die in Deutschland ab dem 19. Jahrhundert entstanden sind und sich dabei auch auf den Gralsmythos beziehen.
Zu den verzerrenden Darstellungen gehört jedoch nicht Richard Wagners Oper “Parsifal”, die sich eng am Text Wolfram von Eschenbachs orientiert. Weil Wagner die christlichen Aspekte des Mythos betont, wendet sich Friedrich Nietzsche von ihm ab.
Auch die in jüngerer Zeit entstandenen Interpretationsansätze, wie der durch den Schriftsteller Dan Brown populär gemachte feministische Ansatz, beruht auf Unkenntnis bzw. dem Unverständnis der realen kulturellen und religiösen Ursprünge und Bezüge des Mythos. Kritisch zu hinterfragen ist zudem die pseudo-traditionalistische Entstellung des Gralsmythos durch den Esoteriker Julius Evola. Dieser hat sich zwar der Sprache der Tradition sowie entsprechender Bilder und Symbole bedient, aber ebenfalls den christlichen Kern des Mythos durch moderne (in seinem Fall esoterische) Bezüge ersetzt. Er ist bei seiner Entstellung des Gralsmythos besonders weit gegangen, indem er diesen als Ausdruck einer von ihm erfundenen, im Mythos nicht nachweisbaren antichristlichen „hyperboräischen Tradition“ darstellt.